Mit einer Hellseherin und einem Geisterjäger zu Besuch bei einem Pest-Massengrab


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Eine Archäologin beginnt die Hauptausgrabung der Broadgate-Schalterhalle (Wo nicht anders vermerkt, alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Crossrail)

Vor 350 Jahren wurde London von der Großen Pest heimgesucht. Zwischen 1665 und 1666 starben etwa 100.000 Menschen—ein Viertel der Stadtbevölkerung.
Als sich die Krankheit ausbreitete, wurden überall in der Stadt Pestgruben gegraben. Man warf die Opfer hinein, in der Hoffnung, so der Epidemie ein Ende setzen zu können. So gibt es in London viele Gräber, zum Beispiel unter einem Supermarkt in Whitechapel, unter dem Golden Square in Soho, im Green Park, in der Pitfield Street in Hoxton und an vielen anderen Adressen.

Eine Karte, auf der einige der Londoner Pestgruben markiert sind (Foto via)

Wir haben schon lange gewusst, dass diese Gruben existieren, doch bis vor Kurzem wurde noch nie eine ausgegraben. Dann wurde im Zuge der Grabungen für das Crossrail-Bahnprojekt in der Nähe der ersten Bedlam-Klinik, dort wo der neue Eingang des Bahnhofs Liverpool Street gebaut wird, ein riesiger Friedhof entdeckt. Die Begräbnisstätte wurde von 1569 bis 1738 genutzt und enthält mehr als 3.000 Skelette, von denen man einen großer Teil für Pestopfer hält. Insgesamt wurden in diesem kleinen Stückchen Land im Laufe der 16. und 17. Jahrhunderte etwa 20.000 Londoner begraben.
Ein Archäologen-Team hat vergangene Woche mit den Ausgrabungen begonnen, was bei den Menschen, die sich mit diesen Dingen beschäftigen, für ein wenig Konflikt gesorgt hat. Einige sind der Überzeugung, dass die Toten in Frieden Ruhen dürfen sollten und dass durch die Exhumierung so vieler Überreste eine riesige Welle des spirituellen Chaos über London hereinbrechen wird, als sei es nicht ohnehin schon ein chaotischer Ort.
Als neugierige Ungläubige beschloss ich, zwei Menschen zu der ausgehobenen Pestgrube mitzunehmen, die Angst vor diesem spirituellen Super-GAU haben. Der erste ist ein Geisterjäger: Barri Ghai, Gründer von The Ghostfinder Paranormal Society, einer Gruppe, die Spukvorfälle und andere übernatürliche Phänomene untersucht.
Die zweite ist die professionelle Hellseherin Lidia Frederico, die sich auf spirituelle Schutzdienste spezialisiert hat.

Lidia und Barri in der Nähe des Eingangs zu der Crossrail-Baustelle am Bahnhof Liverpool Street. Foto: Jake Lewis

„Wenn so viele Leichen gestört werden, dann ist es wahrscheinlich, dass dabei eine Form der paranormalen Aktivität ausgelöst wird”, sagt mit Barri, während wir unterwegs zum Eingang der Ausgrabungsstätte neben dem Bahnhof Liverpool Street sind. „Ich habe viele Fälle gesehen, in denen Menschen aufgrund von Bauarbeiten Erfahrungen mit spiritueller Energie gemacht haben.”
Von außen sieht die Begräbnisstätte von Bedlam aus wie jede andere Baustelle. Sie ist seitlich und oben abgedeckt, sodass man keine Möglichkeit hat zu sehen, was innen lauert. An diesem Tag ist es sonnig, es ist Mittagszeit und die Gegend ist voller Büroarbeiter auf der Jagd nach Plastikbehältern mit Linsensalat. Soweit ich sehen kann, benimmt sich niemand aufgrund einer akuten spirituellen Störung seltsam. Allerdings kann Lidia schon etwas spüren; sie wickelt sich fester in ihre Jacke.
„Es ist keine friedliche Energie hier”, sagt sie bibbernd.

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Innen fühlt sich die Stätte wie ein Filmset an. Der Boden ist voll mit Skeletten. Echten Skeletten. Nicht die Halloween-Requisiten aus dem Scherzartikelladen, oder die Schaumskelette für Filmdrehs. Echte. Es fühlt sich mehr als nur ein bisschen surreal an, mitten im Herzen der City Schädel und Rippen zu sehen, die aus der Erde hervorragen. Ein Archäologen-Team arbeitet schweigend, und wir sehen von einer Aussichtsplattform aus zu, wie sie die Überreste freilegen. Draußen brummt London vorbei. Es ist alles ziemlich unwirklich.
Lidia fängt an zu weinen.
„Ich kann überall Schatten sehen”, sagt sie. „Sie empfinden nichts als Schmerz und Verwirrung. Dies ist heiliger Boden. Wo Menschen begraben liegen, bilden sich Energien. Sie haben jetzt gemerkt, dass sie gestört werden. Ich kann fast nicht atmen.”
Ich blicke noch einmal auf die Knochen im Boden und versuche sie mir als gequälte Seelen und die Liverpool Street als eine Pestgrube aus dem 17. Jahrhundert vorzustellen. Wenn einem die Wohnstudios für 650.000 Pfund und die Luxus-Chocolatiers des einst zwielichtigen Viertels Shoreditch 2015 schon Gänsehaut bereiten, so muss der Anblick 1665 erst recht höllisch angemutet haben: ganze Familien, deren Häuser verbarrikadiert wurden, sodass sie zusammen eingesperrt starben; verrottende, mit nässenden Wunden bedeckte Gliedmaßen; „Totenwagen”, die sich mit aufgetürmten Leichen ihren Weg durch panikerfüllte Gassen bahnten, um an Orte wie diesen zu gelangen. In seinem Buch Die Pest zu London beschrieb Daniel Defoe einen Leichensammler, der sich an der Leiche eines jungen Mädchens aufgeilte, und einen weiteren Mann, der lachend zwei tote Kinder an den Beinen herumschwang.
„Die Furcht war letztlich so groß, dass der Mut derjenigen, die mit dem Forttragen der Toten beauftragt waren, sie verließ”, schrieb er. „Viele von ihnen starben, obwohl sie das Siechtum zuvor gehabt und sich wieder erholt hatten, und andere hatten die Leichen getragen und fielen zu Boden, als sie soeben die Grube erreichten und sie hineinwerfen wollten.”

Lidia sieht grimmig aus. Sie nähert sich einem Security und bittet darum, mit einem Verantwortlichen zu sprechen. Sie will die Archäologen warnen, dass sie sich in Gefahr befinden und sofort mit den Ausgrabungen aufhören sollen. Zumindest sollten sie sich mit Salzwasser die Seelen von den Schuhen waschen, bevor sie nach Hause gehen.
„Sie haben hier mit ernstzunehmenden Kräften zu tun”, warnt sie, doch der Security-Mann nickt einfach nur verwirrt.
Barri ist weniger offensichtlich verstört, doch er macht sich ebenfalls Sorgen und fühlt sich, als sei er in eine „Decke aus Energie, wie ein Nebel” hineingelaufen. Er ist ebenfalls der Meinung, dass das Crossrail-Projekt etwas Gefährliches in den Londoner Äther freisetzt. Sowohl er als auch Lidia sind tief bestürzt darüber, dass bald Millionen Menschen auf dem Arbeitsweg diesem Massenerwachen ausgesetzt werden.
„Da die Ausgrabungsstätte etwa 3.000 namenlose Gräber beinhaltet, ist es hochwahrscheinlich, dass viele Menschen die spirituelle Energie spüren werden”, sagt Barri. „Wenn über uns erst einmal die Schalterhalle gebaut ist und Tausende Menschen hier jeden Tag durchlaufen, dann werden sie die Restenergie fühlen, die sich noch im Boden befindet.”

Die Begräbnisstätte von Bedlam wurde mehr als 200 Jahre lang genutzt und es sind nicht nur Pestopfer, die hier begraben liegen; während dieser Zeitspanne gab es in London Bürgerkriege, die Stuart-Restauration und den Großen Brand von London. Die Stätte soll auch die letzte Ruhestätte einiger wichtiger historischer Persönlichkeiten sein, wie etwa Robert Lockyer, der 1649 für seine Rolle in Englands erster demokratischer Bewegung, „Levellers” genannt, durch ein Exekutionskommando erschossen wurde.
Letztes Jahr, als die vorläufigen Ausgrabungen begannen, fing Crossrails Archäologen-Team damit an, ein Verzeichnis der in Bedlam begrabenen Menschen zu führen. Von den 20.000 Personen, deren Überreste auf dieses Grundstück gequetscht wurden, wurden 5.000 auf die Liste gesetzt.
Lidia hat gerade vielleicht Kontakt zu einem von ihnen. „Es ist ein kleiner Junge namens Peter”, sagt sie und ihre Augen füllen sich wieder mit Tränen. „Er sagt ‚Mama ist nicht da.'”
Als ich Lidia sage, dass 400 Skelette bereits entfernt worden sind, breitet sie ihre Hände aus und verdreht in resigniertem Frust die Augen. „Natürlich. Sie haben ihn von seiner Mutter getrennt.”

Die aus Bedlam entfernten Skelette werden ins Museum of London Archaeology gebracht, wo Osteologen sie untersuchen. DNS-Tests an Knochen von anderen Crossrail-Ausgrabungsstätten haben schon Einblicke in Leben und Tod von lange verstorbenen Londonern geboten—und in spezifische Stämme des Pestvirus. Sobald diese Arbeiten durchgeführt worden sind, werden die Skelette auf einer Insel vor der englischen Südküste wieder begraben. Der Boden auf der Insel wird geweiht werden, ein Zugeständnis an den Aberglauben der breiten Öffentlichkeit.
Dennoch, vielleicht verdienen diese Knochen ein „anständiges” Begräbnis. Catharine Arnold, Autorin von Necropolis, ein Buch über Londons Umgang mit den Toten, nennt es bemerkenswert, wie kurz nach ihrem Ende schon jede Erinnerung an die Pest beseitigt war.
„Die Zahl der Todesfälle war katastrophal”, sagt sie. „Im heutigen London könnte so etwas nur durch eine terroristische Gräueltat oder eine Atombombe verursacht werden. Es war so eine furchtbare Zeit, dass die Behörden Ende 1665, als die Pest abgeklungen war, dringend alle Pestgruben verschließen wollten. Dann gab es wenige Monate später den Großen Brand von London—Verschwörungstheoretiker behaupten, es sei Absicht gewesen, um eine weitere Verbreitung der Pest zu verhindern—und dieser zerstörte so viel von der Stadt.
„Doch obwohl wir ein Denkmal für die Menschen haben, die im Großen Brand starben, gibt es für die Opfer der Pest keines. Es war so ein Unheil, dass es fast scheint, die Menschen wollten komplett vergessen, dass es je passiert ist.”

Barri, Lidia und ich gehen hinaus, zurück in die warme Nachmittagssonne. Ich sehe mich um, doch bisher klettern keine Banker mit rotglühenden Augen an Gebäudefassaden empor und die Bauarbeiter, die auf einer Mauer sitzen und Mittagspause machen, verströmen kein Ektoplasma.
Hier entsteht ein geschäftiger Bahnhof. Wer ihn nutzt, wird sich mit verirrten Touristen, sorgenvollen Büroarbeitern und vielleicht auch mit Untoten herumschlagen müssen. Ich stelle mir vor, wie ich mich durch eine geisterhafte Horde Pestopfer zum Fahrkartenscanner durchkämpfen muss.
Aber vielleicht wird auch alles in Ordnung sein. Lidia sagt, sie fühle sich nun verpflichtet, dorthin zurückzukehren und eine spirituelle Reinigung durchzuführen, sodass die Seelen in Frieden ruhen können. Sie spricht sehr sachlich über ihre belastende Gabe.
„Schätze, ich muss zu Ikea und neue Kerzen holen”, sagt sie.

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