Drogentherapien mit Hunderten von Klienten


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LSD und Ecstasy: Die Staatsanwaltschaft Solothurn hat ein Strafverfahren gegen den Psychiater Samuel Widmer von der sektenartigen Kirschblütengemeinschaft eingeleitet.

Ecstasy-Pillen sind für die Kirschblütengemeinschaft ein Wundermittel, das zu evolotionärem Fortschritt führt. Foto: David Hallett (Getty Images) 

Die Vorwürfe gegen den Psychiater und Leiter der Kirschblütengemeinschaft in Nennigkofen-Lüsslingen SO, Samuel Widmer, wiegen schwer: Ehemalige Anhänger der sektenartigen Bewegung werfen ihm vor, seit rund 30 Jahren bei den Drogentherapien, im Fachjargon Psycholyse genannt, illegale Drogen einzusetzen. Insgesamt sollen viele Hundert Personen beteiligt gewesen sein. Widmer sieht in der Drogentherapie – auch in Grossgruppen – ein Allheilmittel.

Die Strafanzeige einer sozialen Institution löste vergangene Woche eine Polizeiaktion aus. Dorfbewohner berichten, ein grosses Polizeiaufgebot habe am vergangenen Donnerstagmorgen drei Hausdurchsuchungen vorgenommen. Die Solothurner Staatsanwaltschaft bestätigte, ein Strafverfahren eingeleitet zu haben. Zu Verhaftungen kam es aber nicht: «Ein Tatverdacht, welcher die Aufrechterhaltung der Haft gerechtfertigt hätte, konnte nicht erhärtet werden.»

Aussteiger sind nicht überrascht, dass die Polizei offenbar keine Drogen beschlagnahmen konnte. Diese würden nicht im Haus von Widmer oder seiner direkten Nachbarn gelagert, sagen sie.

Widmer, für den die Unschuldsvermutung gilt, streitet ab, bei seinen Therapien und Seminaren verbotene Substanzen eingesetzt zu haben. Weitere Fragen des «Tages-Anzeigers» wollte er nicht beantworten.

Aussteiger erklären, Widmer habe mehrere Hundert Anhänger zu Psycholyse-Therapeuten ausgebildet. Viele von ihnen würden im Untergrund selbst Drogentherapien durchführen. Dabei ist es schon mehrfach zu dramatischen, einmal zu tödlichen Vorfällen gekommen:

19. September 2009, Berlin: Der 50-jährige Arzt Garrik R. verabreicht ­einem Dutzend seiner Klienten Ecstasy. Plötzlich gerät die Sitzung ausser Kontrolle. Einzelne Teilnehmer schreien, verdrehen die Augen, Speichel läuft ihnen aus dem Mund. Garrik R. gerät in Panik. Erst als die ersten Klienten ins Koma fallen, ruft er die Ambulanz. Ein 28-jähriger und ein 59-jähriger Mann sterben, ein weiterer Teilnehmer fällt zwei Wochen lang in ein Koma. Ursache: Eine ­erhebliche Überdosis. Garrik R. wird zu 4 Jahren und 9 Monaten Gefängnis verurteilt. Er war Schüler von Widmer.

13. März 2009, Lüsslingen: Bei einer Psycholyse-Ausbildung mit rund 60 Teilnehmern läuft die Sitzung im Zentrum von Samuel Widmer aus dem Ruder. Mehrere Personen zeigen Vergiftungserscheinungen, erleben einen Horrortrip, schreien oder sind halb gelähmt. Widmer versucht, die Betroffenen in Schach zu halten. Ein paar Teilnehmer erhalten eine Valiumspritze. Als Co-Therapeut amtet der Berliner Arzt Garrik R. So schildert es ein Aussteiger, der die ­Horrorsitzung miterlebt hat.

Dezember 2009, Zürich: Die Polizei setzt die Ärztin F. M. und ihren Ehemann, einen bekannten Wirtschaftsanwalt, in Untersuchungshaft. Die Ärztin hatte jahrelang viele Psycholyse-Sitzungen mit Ecstasy und LSD durchgeführt, wie der «Tages-Anzeiger» aufdeckte. Am 5. Juli 2010 wird F. M. zu einer 16-monatigen bedingten Gefängnisstrafe verurteilt. Sie war Schülerin des Psychiaters Samuel Widmer.

27. April 2014, Amsterdam: S. B. nimmt in Begleitung einer Freundin eine Substanz ein, wie sie es von ihren jahrelangen Psycholyse-Therapien und der Therapeutenausbildung bei Widmer gewohnt ist. Bald leidet sie unter unerträglichen Kopfschmerzen, sie fällt in einen komatösen Zustand. Ihre Begleiterin sucht telefonisch Rat bei einer Therapeutin von Widmer, die auf Migräne tippt. Es dauert 50 Stunden, bis sie den Notarzt ruft. Die Diagnose: ein schwerer Hirnschlag und zwei grosse Hirnblutungen, ausgelöst von den Subs­tanzen.

Drogen als «Türöffner»

Samuel Widmer hat in den letzten 30 Jahren die Kirschblütengemeinschaft aufgebaut und sieht sich als spiritueller Weltenlehrer. Inzwischen leben 200 Anhänger in seiner näheren Umgebung, schätzungsweise 2500 besuchten bei ihm Therapien, Tantra- und Psycholyse-Kurse, wie Aussteiger berichten. Bei seiner spirituellen Heilslehre und seinem therapeutischen Konzept spielen Sexualität und Drogen eine zentrale Rolle. LSD und Ecstasy sind in seinen Augen die Türöffner ins Unbewusste, mit der ungezügelten Liebe sollen psychische Blockaden gelöst werden. Der Psychiater gründete auch die Therapeutisch Tantrisch Spirituelle Universität.

Widmer experimentiert seit rund 40 Jahren mit Drogen und gibt seine Erfahrungen bei den Psycholyse-Ausbildungen weiter. Zu seinen Schülern zählen viele Psychiater, Ärzte und andere Akademiker. Er wisse «von erstaunlich vielen Therapeuten», die die illegalen Substanzen weiterhin einsetzen würden, schrieb Widmer im Buch «Wer heilt, hat recht». In einem Interview bestätigte er seine zentrale Rolle in der Psycholyse: «Die meisten dieser Leute sind ja auch bei mir in der Ausbildung gewesen, also es gibt ja fast keine anderen von diesen Psycholyse-Therapeuten.»

Früher konnte Widmer seinen Kursteilnehmern legal Drogen abgeben. 1986 bekam er nach eigenen Angaben vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Bewilligung, LSD zu Forschungszwecken einzusetzen. 1993 entzog das BAG ihm die Zulassung wieder.

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Doch der Psychiater dachte offenbar nicht daran, auf LSD und Ecstasy zu verzichten, wie Aussteiger berichten. Zu sehr war er von den Drogen begeistert und bezeichnete sie als Sakramente, mit denen sich ein Raum öffne, «der über das Menschliche hinausgeht». Dies führe zu «einer Verbundenheit mit dem ganzen Universum», man stehe «vor dem ganzen Mysterium des Seins», das Weltall stürze in einen hinein. Widmer sieht im psycholytischen Weg ein religionsähnliches Ritual, das «eine grundsätzliche Mutation im menschlichen Geist und Gehirn» anstrebe und zu einem unausweichlichen Evolutionsschritt führe, «von dessen Gelingen unser Überleben auf diesem Planeten abhängig ist».

Um nicht auf den Radar der Behörden zu gelangen, behauptete Widmer, keine Drogen mehr zu benutzen: «Heute arbeite ich nur noch mit ganz normalen, registrierten Medikamenten, die jeder Arzt einsetzen kann.» Dabei handelt es sich vorwiegend um Ephedrin, das einen Rauschzustand bewirkt, und Ketamin, ein Anästhesiemittel. Das sei lediglich eine Tarnung, sagen ehemalige Kursteilnehmer. Der Psychiater kaufe zwar die Arzneimittel, benutze sie aber nicht: «Wir konnten uns mit den Medikamenten für den Privatgebrauch eindecken. Was übrig blieb, wurde entsorgt.»

Als Beispiel für den Drogenkonsum nennt er den aktuellen dreijährigen Meisterkurs mit 86 Teilnehmern. Die Teilnehmer würden bei jeder Sitzung ausschliesslich LSD, Ecstasy und andere illegalen Drogen anwenden. Selbst Widmer und seine beiden Lebenspartnerinnen seien jeweils «verladen», was ein ­erheblicher Risikofaktor sei.

Anleitung zum Schummeln

Widmer bestätigte erst kürzlich den ­Einsatz verbotener Substanzen. Am ­Entheo-Science-Kongress vom 12. bis 14. September 2014 in Potsdam sagte er: «Es stimmt natürlich ganz genau: Ich habe die Substanzen immer deswegen eingenommen und weitergegeben, weil ich die Welt verändern wollte.» Der Psychiater spricht explizit von verbotenen Drogen.

Ein weiteres klares Indiz für den Einsatz von illegalen Mitteln ist auch ein internes Papier, das Kursteilnehmer bekommen. Darin wird ihnen erklärt, wie sie sich bei einer polizeilichen Untersuchung verhalten sollen. Wörtlich heisst es: «Sitzungsleiter und Teilnehmende bewegen sich also während eines Seminars in einem illegalen Rahmen, weil die meisten von uns verwendeten Substanzen verboten sind.» Weiter klärt das Papier die Teilnehmer über die rechtliche Situation und das zu erwartende Strafmass auf. Zwischen den Zeilen wird den Teilnehmern geraten, bei einer Untersuchung anzugeben, sie hätten ihre Substanzen mitgebracht und selbst eingenommen. Bei schwerwiegenden Zwischenfällen sei mit weiteren Konsequenzen zu rechnen. «Schwerwiegend sind ernsthafte gesundheitliche Schädigung oder sogar der Tod von Teilnehmern. Hier sei an das Beispiel in Berlin im September 2009 erinnert.» Die Anhänger werden gewarnt, sie müssten mit Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmung und U-Haft rechnen. «Keinesfalls sollte man sich zur Sache äussern.» Und: «Auch lügen (als Angeklagter) ist im Straf­prozess gesetzlich nicht sanktioniert.»

Guru-ähnlicher Status

Von wem Widmer und seine Co-Leiter die Drogen beziehen, wissen die Aussteiger nicht. Gelagert würden die Drogen oft bei Widmers Anhängern. Als Drogenbote setze der Psychiater gelegentlich ­eines seiner elf Kinder ein, sagt eine ­Aussteigerin.

Dass Drogentherapien in Grossgruppen ein riskantes Spiel sind, weiss Widmer aus eigener Erfahrung. In seinem Buch «Wer heilt, hat recht» beschreibt er ein Seminar mit hochdosiertem LSD, was «meistens ein Desaster» sei. Das führe schnell zu einer «echt gefährlichen, schwierigen Situation». Bei Problemen eines Teilnehmers könne es sinnvoll sein, «sich auf ihn zu legen» und Sedativa zu verabreichen. Bei Herzschmerzen sei es schwierig, ein psychisches Geschehen – er nennt es Sterbepunkt – von einem physischen Geschehen wie Herzinfarkt abzugrenzen.

Wie konnte Widmer offensichtlich jahrzehntelang illegale Drogen einsetzen, ohne aufzufliegen? Das Geheimnis liegt primär bei seinem Guru-ähnlichen Status. Viele seiner Anhänger verehren ihn als Weisheitslehrer und Hüter der Wahrheit. Andere sehen in ihm den Experten für Psycholyse und Pionier in Inzest-, Tantra- und Therapiefragen. Der Personenkult nehme oft messianische Züge an, berichten ehemalige Teilnehmer. Dies führe zu Verstrickungen und Abhängigkeiten. Verhängnisvoll sei auch, dass seine Anhänger Teil des illegalen Rituals seien und Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen hätten.

Pilze, Kakteen, Designerdrogen

Wie verläuft eine Psycholyse-Therapie, intern «Reise» genannt? Die Grossgruppen treffen sich im Saal des umgebauten Bauernhauses in Lüsslingen. Meist wird zuerst MDMA (Ecstasy) eingenommen, drei Stunden später LSD, wie ein Aussteiger berichtet. Widmer nenne es die Königsmischung. Manchmal kämen auch neue Designerdrogen, Pilze, ­Kakteen und Ayahuasca zum Einsatz.

Die Teilnehmer liegen meist passiv auf dem Boden und lassen die inneren Bilder auf sich wirken. Bei den Tantra-Kursen sind sie oft nackt, körperliche Nähe gehört zum Ritual. Gesprochen wird während der Sitzungen selten, Widmer und seine beiden Frauen dozieren auch bei den Ausbildungsgruppen wenig. Eine begleitete Aufarbeitung der Erlebnisse findet kaum statt. Die Teilnehmer fassen lediglich ihre Erfahrungen in einem Protokoll zusammen. Widmer führt die Psycholyse-Therapien nicht nur in der Schweiz durch, sondern auch in Deutschland und Indien, wo ein Kirschblüten-Ableger entstanden ist. Pro Jahr finden knapp 20 Seminare und Kurse statt.

Alle Merkmale einer Sekte

Der Psychiater versteht nicht, dass die Psycholyse-Therapie so verfemt ist und ausgerechnet er «in die Teufelsküche» gerate: «Bin ich anders?», fragt er in seinem Buch «Das Inzesttabu». «Wahrheitsliebender, ehrlicher, kompromissloser? Sehe ich mehr als andere? Bin ich gescheiter? Oder gar erleuchtet? Bin ich verwirrt? LSD-geschädigt? Oder liegt es an meiner Kindheit?»

Ein ehemaliger Teilnehmer sagt: «Erst nach meinem Austritt wurde mir klar, dass die Kirschblütengemeinschaft alle Merkmale einer Sekte trägt. Die Indoktrination hat unser Bewusstsein derart benebelt, dass wir nicht mehr fähig waren, rational zu urteilen. So gerieten wir in eine doppelte Abhängigkeit.»

(Tages-Anzeiger)

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